Bericht vom Kirchentag 2010
Skeptisch war ich ja schon, als ich als Freiwilliger für den Save-Me Stand am Ökumenischen Kirchentag eingeteilt wurde. Als Neuling war diese Veranstaltung für mich unweigerlich mit Langeweile, Chorälen und Rosenkranz behaftet. Doch sobald ich mir das blaue Save-Me T-shirt übergestreift hatte, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Das Kirchentagspublikum war relativ jung, aufgeweckt und vor allem sehr interessiert an unserer Thematik. Am Stand wurden angeregte Diskusssionen über die globale Verantwortung Deutschlands sowie die Notwendigkeit eines Resetttlement-Programms geführt. Außerdem konnten wir neben etwa 400 Unterschriften für unseren Appell an die Innenminister auch 50 neue Paten hinzugewinnen. Ein Großer Erfolg für Save-Me und eine gute Gelegenheit für mich, meine Vorurteile abzubauen...
Elias
Impressionen von der Hausaufgabenhilfe
Schwierig ist es nicht, die Kinder zum Hausaufgabenmachen zu motivieren. Sie kommen sogar freiwillig in den über und über mit selbst gemalten Bildern tapezierten Gemeinschaftsraum, um sich von den Patinnen und Paten helfen zu lassen. Eben noch rannten die Kinder um die Tischtennisplatten herum, nun tragen sie eilig ihre Schulsachen herbei und breiten sie auf den Tischen im Gemeinschaftsraum aus.
Die Patinnen und Paten teilen die Schüler je nach Stufe und Schulfach in Grüppchen ein. Bei der heutigen Matheaufgabe für Viertklässler wird noch eine Weile gerätselt, was überhaupt von den Schülern verlangt wird. Man kommt dann schließlich darauf – nach eingehender Beratung mit den anderen Paten. Viele Handzeichen und Gesten später wird klar: Der Schüler selbst hat die Aufgabenstellung diesmal schneller verstanden als der Pate. Jetzt kann endlich losgerechnet werden!
Die irakischen Schüler aus der Max-Pröbstl-Straße gehen zum Teil auf die Grundschule und zum Teil auf die Hauptschule. Allen gemeinsam ist, dass sie die Übergangsklasse besuchen. Dabei handelt es sich um eine Klasse, in der ausländische Schüler ohne oder mit wenig Sprachkenntnissen an die deutsche Sprache und den regulären Unterrichtsstoff herangeführt werden. Innerhalb einer Klasse herrschen die unterschiedlichsten Sprachniveaus – je nachdem wieviel Zeit seit der Ankunft in Deutschland vergangen ist. Ziel der Übergangsklasse ist es, den Schülern zu ermöglichen, in die reguläre Klasse zu wechseln, beziehungsweise den Hauptschulabschluss zu absolvieren.
18 Patinnen und Paten unterstützen die irakischen Schüler bei diesem Vorhaben und helfen ihnen von Montag bis Donnerstag bei den Hausaufgaben. Während am ersten Tisch im Gemeinschaftsraum noch über den Matheaufgaben geschwitzt wird, ist der zweite Tisch mit Deutsch für die erste Klasse beschäftigt. Wie so oft wünscht sich die helfende Patin, sich den Lehrer vorknöpfen zu können, der seinen Schülern diese scheinbar ungeeigneten Aufgaben aufgegeben hat. Gäbe es kein ehrenamtliches Hilfsangebot, könnten die Schüler manche Hausaufgaben einfach nicht lösen, da es schlicht und ergreifend an der Sprache mangelt.
Der Raum füllt sich. Immer mehr Kinder wollen ihre Hausaufgaben korrigiert bekommen oder sie zusammen mit den PatInnen bearbeiten. Unter ihnen sind jetzt auch einige Kindergartenkinder, die mit großen Augen den Älteren zusehen oder sich mit ihren eigenen „Hausaufgaben“,dem Ausmalen von Bildchen, beschäftigen wollen. Zwischendurch wird es auch ein bisschen lauter; bei so vielen Kindern im Raum verwundert das kaum.
Nach zwei Stunden sind dann alle Hausaufgaben bearbeitet. „Sind wir schon fertig?“, fragt die Patin. „Hast du keine Hausaufgaben mehr auf?“ Na dann bleibt bis zur nächsten S-Bahn ja noch Zeit für ein paar Runden Versteck spielen im Innenhof der Unterkunft. Bis es dann schließlich heißt: „Tschüüüs! Bis nächste Woche?“ Klar kommen sie nächste Woche wieder, um bei den Hausaufgaben zu helfen.
Fahrräder für die Flüchtlinge
In der Unterkunft gibt es jetzt über 30 fahrtüchtige Räder, für die Kinder und die Erwachsenen. Das ist das Ergebnis der vielen Beiträgen der PatInnen: Einige spendeten Räder. Andere organisierten das Sammeln der Fahrräder und den Transport nach Englschalking. Wieder andere versetzten die Räder in zwei Reparaturaktionen in einen verkehrstüchtigen Zustand. Sie brachten Werkzeug und technische Expertise mit, besorgten die dringend nötigen Ersatzteile in einem Laden in der Näher der Unterkunft und reparierten die zum Teil ziemlich ledierten Räder. Dank dem Kontakt einer Patin spendete Radlbaur 20 abgewrackte, jedoch fahrtüchtige Drahtesel und dazu 40 Schlösser. Dynamo Fahrradservice Biss e.V. spendete dankenswerterweise Kinderräder und Ersatzteile.
Die Flüchtlinge waren mit viel Spaß und Tatkraft dabei. Sie reparierten und prüften die Räder, ob sie den deutschen Kriterien entsprechen: Funktionieren Licht und Bremsen, sind Strahler und Klingel dran? Während der Fahrradwerkstatt machte ein kleiner, vierjähriger Junge erste Fahrversuche, die, sehr zu seinem Ärger, noch erfolglos blieben. Auch einige Erwachsene machten es ihm nach. Bei ihnen klappte das Fahren schon ganz gut, das Bremsen dafür weniger: Es gab eine Kollision und großes Gelächter.
Die Frauen hielten sich mit dem Radeln erst zurück und sagten, dass sie nicht Fahrrad fahren; denn in der Heimat ist es verpönt sich als Frau auf ein Fahrrad zu setzen, das verbietet der Anstand. Aber... dann versuchten es einige doch. Und am Ende wurde aus den vereinzelten Fahrradfahrern ein bunter Haufen, der über den Hof radelte.
Info-Veranstaltung in den Kammerspielen
Es ist soweit: die ersten Flüchtlinge sind in München. Zeit die konkrete Phase der save me Kampagne einzuläuten und zu einem weiteren Informationsabend in die Kammerspiele einzuladen. Die Veranstaltung am 1. April war dazu gedacht den Patinnen und Paten einen kleinen Eindruck davon zu geben, wie der Stand der Dinge ist und wie es die nächsten Monate weitergehen wird. Fotos von der Unterkunft in Englschalking und von der Begrüßung der Flüchtlinge durch Presse und Politiker am 30. März vermittelten den im Werkraum versammelten Patinnen und Paten ein konkretes Bild, wie sich die Ankunft der Flüchtlinge in München abgespielt hat.Natürlich sollten auch Hintergrundinformationen nicht zu kurz kommen, denn nicht jeder weiß, wie die Lage für die Christen im Irak und im syrischen Exil tatsächlich ist. Herr Zabel von Missio hatte sich spontan bereit erklärt kurz über das schwierige Leben der Christen im Irak zu sprechen. Er bekam spontane Unterstützung von David Danka, einem irakischen Christen aus dem Publikum, der von seinen Erfahrungen in der Heimat erzählte und bei den Patinnen und Paten eine Flut von Fragen auslöste.
Besonders die Situation der Flüchtlinge während ihres Aufenthalts in Syrien hat großes Interesse geweckt. Anders als viele annehmen leben die Flüchtlinge in Damaskus nicht in Lagern, sondern in festen Häusern. Trotz der geregelten Wohnsituation ist das tägliche Leben wegen den teuren Mieten, Arbeitsverboten und dem zur Neige gehenden Geld alles andere als einfach. Die zahlreichen wohltätigen Organisation und der UNHCR kommen mit ihrer Arbeit kaum dem Bedarf nach und so kann es sein, dass trotz der angelaufenen Hilfe manche Familien kaum das nötigste zum Leben haben und im Winter bei Temperaturen um die Null Grad nicht heizen können. Dazu kommen die Ressentiments der einheimischen Bevölkerung deren Lebensstandard wegen der ständig steigenden Lebensmittelpreise ebenfalls nachgelassen hat.
An die Vorträge und die Diashow schloss sich der gemütliche Teil des Abends an. Bei Wein, Häppchen und der Live-Musik des Tuna Trios, hatten die Paten die Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und ihre noch offenen Fragen zu save me und den irakischen Flüchtlingen zu klären.
Ankunft der irakischen Flüchtlinge
Am 30. März sind die ersten irakischen Flüchtlinge in der Unterkunft in Englschalking angekommen. Nach stundenlanger Fahrt von Friedland nach München konnten sie sich endlich provisorisch einrichten. Die von uns als Symbol für den Neuanfang auf die Tische gestellten Osterglocken und Tulpen verliehen den Zimmern eine erste wohnliche Note.Nach dieser doch sehr besonderen Begrüßung waren die irakischen Flüchtlinge froh über etwas mehr Ruhe am Abend und die Möglichkeit sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Mit Stockbetten, einem Schrank, einem Kühlschrank, Tisch und Stühlen sind die Zimmer der blauen Baracken gut genug ausgestattet. Teilweise sind sie durch eine Türe verbunden, sodass die einzelnen Familienmitgliedern die Möglichkeit haben zwischen den Zimmern hin und her zu wechseln, ohne über den Korridor gehen zu müssen.
Die weiß gekachelte Küche und das Bad werden von der Gruppe geteilt und zwei der Baracken haben Gemeinschaftsräume. In einem davon steht inzwischen, dank der Spende eines Paten, sogar ein großer Fernseher, der es den Flüchtlingen ermöglicht irakische Programme zu empfangen - eine willkommene Abwechslung in der Fremde.
Die nächsten Wochen und Monate werden sich zunächst um die Wohnungssuche drehen, denn die Flüchtlinge haben den Wunsch sich möglichst bald einzurichten, das Provisorium hinter sich zu lassen und eine feste Bleibe in zentralerer Lage zu finden.
Bericht von der SAVE ME-Talkshow
Am 22.2.08 waren VertreterInnen aller Stadtratsfraktionen ins Neue Haus der Münchner Kammerspiele eingeladen, kurz vor den Kommunalwahlen mit uns über die SAVE ME-Kampagne zu diskutieren.
Mit unverhohlener Spannung blickten die Organisatoren der Kampagne dem Abend entgegen. Die Stadtratsfraktionen waren eingeladen worden, zur Save Me Kampagne und dem Ziel, neue Flüchtlinge aus Krisengebieten nach München zu holen, Stellung zu beziehen.
Schon dass alle Fraktionen einen Vertreter und die FDP mit Nadja Hirsch eine Vertreterin zur Veranstaltung geschickt hatten, konnte im engen Terminplan vor den Stadtratswahlen als erster Erfolg gewertet werden. Sehr offen war allerdings die Frage, wie sich die Stadträte zum Thema des Abends verhalten würden. Lediglich bei den Grünen, die mit ihrem Fraktionschef Siegfried Benker in die Diskussion stiegen, war eine Unterstützung voraussehbar. Schon einige Tage vor der Talkshow hatten die Grünen im Stadtrat einen Antrag gestellt, der die Stadt aufforderte, entsprechend den Zielen der Save Me Kampagne die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen zu beschließen und einen Appell an die Bundesregierung zu richten, Resettlement einzuführen.
Für den Einstieg wählt Moderator Fritz Burschel eine Reihe spitzer Fragen an die Talkshow-Gäste. Wie es sich denn damit verhalte, dass er vor zwei Jahren die Abschiebung jugendlicher Straftäter in den Irak gefordert habe, wird zum Beispiel Hans Wolfswinkler von der CSU Fraktion gefragt. Straftäter solle man abschieben, so die Antwort, und formal wäre der Irak ja kein Bürgerkriegsgebiet, antwortet Wolfswinkler etwas lahm. Christian Müller von der SPD fragt Burschel, ob die Unterstützung der Save Me Kampagne durch den Stadtrat nicht ein geeignetes Mittel gegen die ausländerfeindlichen Parteien sei, die in den Stadtrat drängen. Da wäre eine hohe Wahlbeteiligung bei den demokratischen Parteien geeigneter, meint Müller, eine Save Me Kampagne sieht er eher als Einladung an die Radikalen, eine neue Hetzkampagne gegen Flüchtlinge zu starten. Überhaupt zeigt sich der SPDler als der skeptischste gegenüber den Realisierungschancen eines Resettlement-Programms durch die Stadt München. Als nach den Erläuterungen von Uta Rieger vom Flüchtlingshochkommissariat, was Resettlement ist und wie es ablaufen könnte, die Möglichkeiten der Stadt diskutiert werden, ergeht sich Müller in Feinheiten des Münchner Wohnungsbauprogramms. Dies suggeriert, dass 850 zusätzliche Flüchtlinge die Kapazitäten der Münchner Sozialpolitik sprengen würden.
Hans Wolfswinkler zeigte, dass die CSU damit vielleicht weniger Probleme haben könnte. Die Flüchtlingsaufnahme würde die Stadt wohl mit rund 10 Millionen Euro belasten, da müssen man zwar einen Nachtragshaushalt beschließen, aber letztlich sei das schon zu verkraften. 850 Flüchtlinge seien ja nicht die Landesbank, so Wolfswinkler. Auch Nadja Hirsch von der FDP zeigte sich den Zielen der Save Me Kampagne gegenüber aufgeschlossen, die FDP stehe ja ein für ein weltoffenes München und auch mit der Bundestagsfraktion habe sie schon geredet. Siegfried Benker schließlich stellte angesichts der Bedenken Christian Müllers die Diskussion um die Aufnahmemodalitäten auf sachliche Füße. Die Flüchtlinge müssten, auch wenn das nicht der beste Empfang sei, erst mal in den städtischen Notunterkünften untergebracht werden wie andere Menschen ohne Wohnung auch. Eine Bevorzugung der Flüchtlinge vor wohnungslosen Münchnern würde eine Debatte hervorrufen, die niemand wirklich haben wolle. Dann wäre es eine Frage der guten Unterstützung und schnellen Integration, wie bald aufgenommene Flüchtlinge dann auch eine Wohnung bekommen könnten. Das für die Aufnahme zuständige Sozialreferat habe sich schon vorsichtig positiv geäußert.
Stephan Dünnwald als Vertreter der Save Me Kampagne erklärte schließlich noch mal die Zielsetzung der Kampagne, der es darum gehe, das Flüchtlingselend in Krisengebieten und an den europäischen Außengrenzen sichtbar zu machen und nicht nur bei den Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch den politisch Verantwortlichen Antworten darauf einzuholen, wie die Stadt München angesichts dessen ihrer Verantwortung gerecht werden kann. In einer Schlussrunde noch mal zu seiner Haltung befragt, erklärte Hans Wolfswinkler, er wolle die Aktion unterstützen, er habe sich schon Anfang der achtziger Jahre selbst für vietnamesische Boat People eingesetzt. Er fürchte aber, dass er damit in seiner Fraktion keinen leichten Stand habe. Christian Müller bekundete Zustimmung unter der Bedingung, dass die Zahl 850 auch auf ein realistisches Niveau gedrückt werden könne. Auch Frau Hirsch sah bei ihrer Partei Potential für eine Unterstützung von Save Me. Die Vertreter der Kampagne zeigten sich nach der Veranstaltung zufrieden sowohl mit den erreichten Zusagen der PolitikerInnen als auch mit dem Verlauf der von Fritz Burschel souverän moderierten Diskussion.
Der Antrag der Grünen Fraktion für eine Unterstützung der Save Me Kampagne ist inzwischen einen Verwaltungsschritt weiter und dem Sozialreferat zu einer Stellungnahme zugeleitet worden.


































































