Neues Deutschland, 15.04.2008
München sucht 850 Flüchtlingspaten
München wird in diesem Jahr 850. Die gleiche Anzahl Paten für Flüchtlinge sucht zu diesem Jubiläum die »Save me«-Kampagne.
Samstagnachmittag: Zeit für den Infobus, der vor dem Aufnahmelager für Asylbewerber an der Baierbrunnerstraße steht. Irmi Lechner wartet mit vier Kollegen von Amnesty international und dem Bayerischen Flüchtlingsrat auf die Menschen, die Hilfe brauchen. Bereits zehn Minuten vor der Zeit sind sie da: Menschen aus Somalia, Sierra Leone, Algerien. Irmi Lechner hört sich viele Geschichten an, blättert in einem gelben Aktenordner mit Adressen, vermittelt Kontakte.
Die 40-jährige Soziologin kennt sich aus: Sie weiß, wo den Menschen der Schuh drückt und welche Hilfen ihnen der Staat verweigert. Darum macht sie mit bei der »Save me«-Kampagne: Sie ist eine von bisher 384 Münchnerinnen und Münchnern, die den 850. Stadtgeburtstag anders feiern und Paten für Flüchtlinge sein wollen. Zum 850. Jubiläum der Stadt wollen der Bayerische Flüchtlingsrat und 19 weitere Organisationen, dass München sich bereit erklärt, 850 Flüchtlinge aus einer aktuellen Krisenregion aufzunehmen. Die einheimischen Patinnen und Paten gehen keine finanzielle Verpflichtung ein, sondern helfen in der ersten Zeit – beim Gang zu Behörden ebenso wie beim Lernen der deutschen Sprache. Die Paten der »Save me«-Initiative vermitteln als persönliche Ansprechpartner das Gefühl, willkommen zu sein.
Resettlement: Sicherer Status von Beginn an
Bei dem Resettlement genannten Verfahren werden besonders
schutzbedürftige Personen aus Krisengebieten in sichere Länder geholt.
Resettlement könne zwar nicht die Lösung für die weltweite
Flüchtlingsproblematik und auch kein Ersatz für Asyl sein, sagt der
Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats, Stefan Dünnwald. Aber
zumindest für einige wenige könne es die Rettung bedeuten.
Der Bus, in dem Irmi Lechner die Asylbewerber aus dem Münchner Aufnahmelager berät, ist winzig: Es gibt gerade einmal zwei gegenüberliegende Sofas, mit braun-orangem Muster wie aus den 70er Jahren. Aber den Menschen, die hierher kommen, macht das nichts aus, denn der Bus ist ihre Hoffnung: Hier erzählen sie ihre Geschichte. Ohne Angst, dass ihnen daraus ein Grund für die Abschiebung gestrickt wird.
Im Gegensatz zu den Asylbewerbern, die zu Irmi Lechner in den Infobus kommen, hätten die Menschen der »Save me«Kampagne einen großen Vorteil: Sie hätten von Anfang an einen sicheren Aufenthaltsstatus und damit das Recht auf Arbeit und Integrationsmaßnahmen wie einen Deutschkurs.
Chance für Aufnahme irakischer Christen
Andere europäische Länder wie Großbritannien haben bereits
Resettlement-Programme. Die Erfahrung habe gezeigt, dass es sich lohne,
den Ankommenden eine Perspektive zu bieten, sagt Stefan Dünnwald: Die
Flüchtlinge fänden sich schnell zurecht. Die Kosten für die Aufnahme
würden vom Europäischen Flüchtlingsfonds bezuschusst und bald
kompensiert. Mittelfristig sei sogar ein ökonomischer Gewinn für die
Gesellschaft zu erwarten.
Momentan denken die Kirchen und sogar CDU/CSU laut über die Aufnahme irakischer Christen im Rahmen eines Resettlements nach. Da stehen die Chancen gut, dass auch der Münchner Stadtrat bei seiner Sitzung im Juni positiv über die »Save me«-Kampagne entscheiden wird. Nach Angaben des UNHCR stellen Christen unter den derzeit in syrischen und jordanischen Lagern lebenden irakischen Flüchtlingen eine überproportional große Gruppe dar.
Das Münchner Beispiel macht Schule: In diesem Frühjahr beginnt der Augsburger Flüchtlingsrat eine eigene »Save me«-Kampagne. Ein Ziel hat die Kampagne jetzt schon erreicht: eine öffentliche Diskussion anzustoßen über die aktuelle Flüchtlingspolitik und das Elend der Flüchtlinge außerhalb der EU-Grenzen. In München haben sich Menschen jeden Alters und aller Berufsgruppen angeschlossen. Und täglich werden es mehr. Jetzt ist die Politik gefordert, Antworten zu geben.Von Gisela Dürselen, München

